Alter der Kinder

Filigrane Tradition voll
stolzer Erinnerungen

Millimetergenau schneidet die scharfe Schere durchs Papier. Nach und nach weichen die Bleistiftstriche sauberen Kanten. Immer wieder wird das Blatt gegen das Licht gehalten, um genau sehen zu können, wo noch ein kleines bisschen mehr abgeschnitten werden muss.

Traditionen bleiben erhalten, wenn sie gelebt und weitergegeben werden. Im Simmental nimmt man sich auch heute noch die Zeit für Scherenschnitte – und so ist diese Tradition hier nach wie vor lebendig.

Von China bis ins Simmental

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Ursprünglich kommt die Kunst des Scherenschnitts aus China und ist so alt wie die Anfänge der Papierherstellung. In der Schweiz hat dieses Kunsthandwerk seine Wurzeln im Berner Oberland. Johann Jakob Hauswirth gilt als Vater des traditionellen Schweizer Scherenschnitts. Im 18. Jahrhundert brachte er den Scherenschnitt ins Saanenland. Sein bekanntestes Motiv, der Alpaufzug, erinnert an das ursprüngliche Leben in den Bergen.

Geschichten,
die das Leben schreibt

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Früher zeigten Scherenschnitte traditionell die Lebensläufe der Bauern.

In diesen Lebensläufen erkennt man gute und schlechte Erntezeiten, wann der Sohn geboren wurde oder wann die Tochter geheiratet hat. Oft zeigt der Scherenschnitt ein hartes und dennoch sehr stolzes Leben. Heute sind es Lebensläufe aller Art, beispielsweise der einer Floristin oder eines Zahnarztes. Drei Stunden wird ein Lebenslauf von circa 30 Zentimetern Durchmesser vorgezeichnet und rund 40 Stunden wird er danach geschnitten. «Für mich ist das mein Weg, abzuschalten und zur Ruhe zu kommen. Andere gehen ins Yoga, ich ziehe mich zurück in mein Atelier und arbeite an meinen Schnitten», erklärt Elisabeth Beutler, eine bekannte Simmentaler Scherenschnittkünstlerin.

Kreativität, Geduld und Lockerheit

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Es braucht nicht viel: ein schwarzes Stück Papier, gutes Licht, Bleistift und Radiergummi.

Und natürlich eine gute Scherenschnitt-Schere – besonders robust und scharf. Es ist faszinierend, wie wenig Material notwendig ist, um etwas zu kreieren, das für die Menschen einen grossen emotionalen Wert hat.

Einfach drauflos

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«Das kann ich sicher nicht!» Oder «diese Arbeit ist viel zu fein für mich», hört Elisabeth Beutler oft. Das Schönste für die Scherenschnittkünstlerin ist es zu sehen, wie jemand, der solche Zweifel hatte, über sich hinauswächst und sich am Schluss umso mehr über den geglückten Schnitt freut. Kreativität, Geduld und vor allem eine selbstbewusste Portion Lockerheit sind die Geheimzutaten für einen schönen Scherenschnitt. Verkrampft und verbissen wird es schief gehen; deshalb einfach drauflos schneiden und über das eigene Kunstwerk staunen.